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  • AutorenbildRaffael Debatin

Function follows Form

Einer der grundlegenden Prinzipien im Design ist der Leitsatz "Form follows Function". Der Gedanke dahinter ist logisch und die Basis für die Entwicklung neuer und die Weiterentwicklung von bestehnden Produkten. Jedes Produkt hat eine bestimmte Aufgabe und das Ziel ist es, die Benutzung dieses Produktes so angenehm wie möglich zu gestalten. Entwerfe ich einen neuen Föhn, dann ist das Ziel einen Gegenstand zu entwickeln, der leicht ist, sich gut halten lässt und in der Lage ist meine Haare zu trocknen. Ein Gegenstand mit einer klar definierten Aufgabe und alles was ich als Designer tun kann, ist die Benutzung so angenehm wie möglich zu gestalten. Somit steigt meine Chance, dass mein Produkt gut bei der Kundschaft ankommt und ich Gewinne erziele.

Ein Parkour-Park ist ebenfalls ein Produkt und viele verfolgen den selben Ansatz des Designs. Sie definieren ganz klar wie etwas zu nutzen ist und passen das Layout so an, dass aus der Sicht des Designer/Planers alles "perfekt" ist. Frei nach dem Motto "Meine Damen und Herren, wir präsentieren: den perfekten Sprung". Das Feedback wird in der Regel so ausfallen, das ein kleiner Teil sagen wird "Voll geil, das ist der perfekte Sprung", ein anderer Teil wird sich denken "Ah geil, das ist also der perfekte Sprung. Dann muss ich mich da mal ranhalten um den auch zu schaffen" und wieder ein anderer Teil wird ihn ein Mal probieren und nie wieder kommen. Denn die Frage ist: gibt es den perfekten Sprung? Oder noch viel eher: Gibt es den perfekten Spot? Diese Frage ist Teil einer Diskussion, die es schon sehr lange gibt: Machen Parkour-Parks Sinn oder wiedersprechen sie der Natur des Sports und der dazugehörigen Philosophie. Um diese Frage zu verstehen und welche Gedanken dahinter stecken, müssen wir in die Entstehungsgeschichte von Parkour eintauchen und ein bisschen links und rechts bei anderen, etwas älteren Sportarten spicken.


Ich hatte einmal überlegt ob ich mir "Skatboarding was my first love" tättoowieren lassen soll. Bevor ich Parkour kennen lernte, war Skaten für mich der Sport und die Kultur in der ich frei sein konnte. Solange du ein Brett unter deinen Füßen hattest war es mehr oder weniger egal wer du bist und woher du kamst. Teil des Sports ist es auch, seinen eigenen Weg zu finden, seine ganze eigene Art zu finden Tricks zu machen und an Spots seine eigenen Lines zu bauen. Sprich genau jenes, dass viele über Parkour und Freerunning sagen. Warum am Ende Parkour später so einen großen Einfluss auf mich und mein Leben hatte und nicht Skateboarding resultiert aus ein paar anderen Faktoren die da mit hinein gespielt haben. Warum mir der Einstieg in die Parkour-Welt so einfach von der Hand ging, liegt an meiner Erfahrung aus dem Skaten. Was Parkour, Skateboarding und andere urbane Sportarten gemeinsam haben, ist eben das Urbane. Man bewegt sich durch die Welt mit dem Ziel mit der Architektur zu interagieren. Ohne Architektur wären viele Sportarten niemals entstanden. Ohne den rebellischen Ansatz anders sein zu wollen und das Gefühl nicht in die Gesellschaft zu passen, wäre wahrscheinlich niemals jemand auf die Idee gekommen Architektur dazu zu nutzen sich sportlich und kreativ auszuleben. Dabei spielt die Architektur eine wesentliche Rolle der Entwicklung jeden einzelnen Sportlers. Die Art und Weise wie ich mich bewege wird massgeblich dadurch beeinflusst wie meine Umgebung gestaltet ist. Lebe ich irgendwo in einem kleinen Dorf in einem Tal wird mein Training anders ausfallen wie wenn ich in einer Metropole wie San Francisco wohne, in der ich mehr Fläche, mehr Kunst und mehr Höhenunterschiede in der Stadt habe. Ebenso beeinflusst der Verkehr und die Menschenmassen wie ich mich im öffentlich Raum bewegen kann, wo ich mich wohlfühle und wo ich vertrieben werde.

Da ich diese Gegebenheiten nicht verändern kann bleibt mir nur übrig mich anzupassen. Ab dem Zeitpunkt an dem ich anfange draußen zu trainieren, muss ich die Techniken die ich lernen möchte oder auch schon beherrsche, an die Architektur anpassen. Gleichzeitig schafft Archietktur aber auch Möglichkeiten neues zu lernen oder zu erfinden. Eine Symbiose zwischen den Kunstwerken von Architekten und Künstlern die wir durch Bewegung neu interpretieren und zum leben erwecken. Mit der Zeit entwickeln wir einen immer beser Block dafür wie wir unsere Fähigkeiten in einer urbanen Umgebung einsetzen können. Wir bekommen den "Parkour-Blick", immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten uns zu testen und kreativ auszuleben. Unsere Bewegung passt sich unseren Gegebenheiten an. Function follows Form.

Unser Drang uns zu verbessern wird dadurch verstärkt, dass wir Möglichkeiten sehen Sprünge zu machen für die wir noch nicht bereit sind, sei es physisch oder psychisch. Wir versuchen ähnliche Orte zu finden um uns in einer passenden Umgebung vorzubereiten. Und so entwickelt sich unser Auge mit unserer körperlichen Leistung mit. Wir schaffen Referenzen zwischen dem was wir können und dem was wir sehen. Wir lernen zu sehen ob etwas für uns entspannt machbar ist, ob es an unserer Grenze ist, leicht darüber oder unvorstellbar. Wenn wir uns an einem Spot komplett ausgetobt haben, ziehen wir weiter zum nächsten Spot an dem neue Herausforderungen auf uns warten. Kommen wir dann wieder zurück an einen alten Spot an dem wir schon länger nicht mehr waren, sehen wir wieder neue Möglichkeiten durch den Einfluss anderer Spots an denen wir trainiert haben. So entsteht eine Verbindung und ein Kreislauf der Wachstum bedeutet und eine enge Verbindung zu der Architektur entstehen lässt in der ich mich hauptsächlich entwickelt habe.

Schlagen wir so langsam wieder den Bogen zu dem was wir daraus lernen können oder sollten. Für viele von uns war es damals ein Wunsch, mehr Anerkennung in der Öffentlichkeit zu bekommen. Unser Sport wurde und wird immernoch häufig als halsbrecherische Beschäftigung betrachtet die von adrenalien Junkies betrieben wird die ihre männlichkeit zur Schau stellen wollen. Um mit diesem Vorurteil aufzuräumen gibt es seit Ewigkeiten die Diskussion, wie man Parkour für die breite Masse zugägnlicher machen kann. Also hat man begonnen die Hinernisse an denen man trainiert anzupassen um das Gefühl der Sicherheit zu erhöhen. Workshops und Kurse in Sporthallen mit gepolsterten Kästen und Matten dahinter, möglichst kleine Abstände und alles anpassbar an den Kursteilnehmer. Alles das, was eine Stadt und ihre Architektur nicht zu bieten hat. Und es funktioniert. Sportvereine verzeichnen einen regen Ansturm auf ihre "Parkour-Angebote", es werden Parks gebaut mit einer "angenehme Höhe" der Wänder, "angenehmen Distanzen" zwischen den Hindernissen und schon im Vorraus derfinieren wie dort die Aufgabenstellung definiere. Lerne ich in einer solchen Umgebung und habe niemand der mich auf andere Ideen bringt, gehe ich vielleicht irgendwann einmal in die Stadt und bin dann frustriert weil ich diese perfekte Welt nicht vorfinde. Ich hab weder gelernt mich anzupassen noch zu interpretieren. Das erklärt auch, warum von diesem Mitgliederanstieg in den Vereinen auf der Straße nichts zu spüren ist. Lernt man Parkour als einen Sport kennen den man in einer Halle auf Matten ausübt, dann scheint die Welt da daraußen alles andere als dafür gemacht zu sein. Von der Philosophie des Sports und dieser kreativen Interaktion mit der Architektur bleibt nichts mehr übrig.

Für mich als Designer ist der Anspruch, so viel wie möglich von dieser Philosophie in die Planung mit einzubrigen. Parkour-Parks sollen als Anlaufstelle für alle dienen. Anfänger sollen einen Ort haben an dem sie gleichgesinnte treffen können, Fortgeschrittene sollen entdecken, interpretieren und spielen können und für Besucher ein fester Treffpunkt werden. Parkour-Parks brauchen eine Balance zwischen dem offensichtlichen und dem künstlerischen. Die Anordnung der Hindernisse muss nicht immer auf den ersten Blick absoluten Sinn machen. Je weniger etwas vordefiniert wurde, desto mehr Möglichkeiten bietet es sich kreativ auszutoben und so höher wird der zuspruch der Szene zu diesem Spot sein.


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